DREAMING  - Distanz und Nähe
Zeichnungen von Henriette Tomasi seit 15. März 2020

DREAMING

Zeichnungen, Indian Ink auf Papier

 

Die Träumende I, 29,7 x 42 cm, Indian Ink auf Papier 250g/qm, säurefrei

Die Träumende II, 29,7 x 42 cm, Indian Ink auf Papier 250g/qm, säurefrei

Der Stillstand

Unter ihren Zehen pikst es, ihre Füsse balancieren über Schrott, Elektroleitungen, Motorenteile, Leuchtstoffröhren, Ketten, Stangen, Wicklungen – vielleicht sind Gifte darunter. Abenddämmerung. Barfuß tastet sie sich vorwärts am Rande des zerfallenen Hofs. Ein trostloses Feld aus Schrott – abgelegt, nutzlos, ohne Bestimmung. Sie sucht den Weg zum Steg. Hinter den Büschen, hinterm Zaun, spüren die Zehen das warme Holz, lassen sich baumeln ins trübe Nass. Der Teich so groß, dass mehrere Entenpaare darin brüten, Frösche ihr Konzert geben können. Auf moosigem Holz sitzend, die Füsse im Wasser, geduldig sucht ihr Blick nach Leben. Frösche, Molche und Schlangen. Damit sie nicht gesehen wird, verharrt sie still. Die Unterwasserwelt, fliessend. Gewächse, Tiere unterm Wasserspiegel. Wasserläufer tanzen. In der Abendsonne ihr Spiegelbild – das einzig Menschliche - durchkreuzt von einer Schlange. Versteinert vor Angst, bewahrt sie Ruhe. 

Jeden Abend – verbotenerweise – nimmt sie hier Abschied vom Tag. In Gedanken spricht sie mit den Tieren, ein Lächeln entlocken sie ihr dann. Ihre Füsse reicht sie, streichelt Wellen, berührt bedächtig ihre Welt, mal streicht ein Molch, sogar die lange, dicke Schlange ihren Fuss. Sitzend gleicht sie einem Stein, unbeweglich, unverletzlich, starr. Erhaben über Ängste. Jeden Abend erneut, begrüßt, verabschiedet sie das urwüchsige Getier. Im letzten Sonnenlicht verkriechen sich Molche und Schlangen im Schlamm, verstummt das laute Quaken der Frösche. Dunkelheit bricht ein. 

Wie so oft, erwacht sie spät in der Nacht aus diesem Traum, starrt wie die Fliege, gegen die Zimmerdecke, allein.

Henriette Tomasi, 4. April 2020


Ihr Meer verschwindet in Träumen

Das Flatterband knistert im Wind. Warnend umbindet es Pfosten, Zäune geheimer Welt, sperrt selbst verborgene Wege zum Spielplatz ab. Dahinter wuchert Gras, weht in Wellen, Büsche strecken wilde Triebe über den Sand. 

Später Abend, verschwunden die Sonne hinterm Horizont. Verlassen sind Schaukel, Wippe, Rutsche und das weit verzweigte hölzerne Klettergestell mit Hängebrücken von Turm zu Turm. Skelette im Nachthimmel, die ragenden Konstrukte. Silbrig färbt der Mond ihre Konturen. Räubern gleich, schleichen sie durch Büsche, durch verbotenen Zugang des Grundstücks des Nachbarn, das Band keine Hürde, kein Zaun versperrt, kein Tor verschliesst. Still klettern sie auf die hölzerne Burg, beginnen ihr fast in Vergessenheit versunkenes, nie endendes Spiel von der einsamen Insel im weiten Ozean, von Wellen, die ans Ufer, an die hölzernen Stufen, Streben schlagen, von Schätzen, die zu bergen, zu bewachen und zu verteidigen sind. Jeder besetzt einen Turm, über Hängebrücken hangeln sie sich von Welt zu Welt. Flüsternd streichen sie um Ecken, Winkel, beobachten den Sternenhimmel, fast gefährlich breitet ihre Fantasie die Welt um sie. Das Dunkel wird schwärzer, die Stille stiller, die Häuser in der Ferne versinken in tiefer Nacht, letzte Lichter erlöschen. Sie spielen, toben versunken, ganz leise bis zum Morgen, holen all die vermissten Abenteuer nach, die das Flatterband ihnen versperrt. Dann als es graut, fallen sie erschöpft in den Sand, ihr Meer verschwindet in Träumen, sie schleichen sich durch die Büsche davon. Unsichtbar die Fussspuren im Sand. Am Bett, auf der kahlen Wand, gezeichnet die Spuren des Traums.

Henriette Tomasi, 26. April 2020

Visionen, 29,7 x 42 cm, Indian Ink auf Papier 250g/qm, säurefrei

Träumer I,  29,7 x 42 cm, Indian Ink auf Papier 250g/qm, säurefrei

An der Weggabelung andersrum, 29,7 x 42 cm, Indian Ink auf Papier 250g/qm, säurefrei

Leporello "HUMAN I" , Indian Ink und Pappe auf Papier, handgezeichnet und collagiert , Mai/Juni 2020


"Ihr Meer verschwindet in Träumen, sie schleichen sich durch die Büsche davon."


"In der Zeit von Corona entsteht ein Projekt zum Innehalten. Gefangen in den eigenen vier Wänden leiden viele unter  Enge und Einsamkeit. Das Träumen entführt in  Zukunft und Vergangenheit. Die Zeichnungen entstehen aus dem Gefühl, aus den Stimmungen, die diese schwierige Zeit mit sich bringt. Ich arbeite ausdrücklich nicht nach Modell und auch nicht nach Fotos. Ich beginne zu zeichnen, überlasse der Linie ihr Spiel, reduziere bewußt, oder besser noch - lasse die Einfachheit gewähren - um Charaktere und Stimmungen entstehen zu lassen. Der Zeichenprozess ist fast meditativ, Linienführung in vollkommener Ruhe. Die Zeichnungen vertiefen das Thema "Traum / Die Träumenden" frei in Variationen. Die Entwicklung eines Themas, das meiner Meinung in diese Zeit passt. Hinein spielt die Nähe, die Sehnsucht danach, die im Gegensatz zur verordneten körperlichen Distanz steht."

Henriette Tomasi (März/April 2020)


Zeichnung aus der Reihe "DREAMING", Indian Ink auf Papier,, handgezeichnet, 29,7 x 42 cm

Zeichnung aus der Reihe "DREAMING", Indian Ink auf Papier,, handgezeichnet, 29,7 x 42 cm

Zeichnung aus der Reihe "DREAMING", Indian Ink auf Papier,, handgezeichnet, 29,7 x 42 cm

Zeichnung aus der Reihe "DREAMING", Indian Ink auf Papier,, handgezeichnet, 29,7 x 42 cm

 
 
 
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