DREAMING  - Distanz und Nähe
Zeichnungen von Henriette Tomasi seit 15. März 2020

MOORKINDER

Zeichnungen, Indian Ink und Tusche auf Papier


Eine Reihe neuer Zeichnungen entsteht: die Moorkinder. 

"Inspiriert durch Erinnerungen an Gräser, lange Spaziergänge durch den Wald, lange sich überbiegende Halme, das Spielen an Bach, See und im Wald in der Kindheit. Gerade in dieser Zeit ist die Suche nach einem sicheren Ort, der den Menschen zwar verbirgt, aber auch als willkommenen Gast aufnimmt, ein unsichtbarer Wunsch. Gräser, lange wuchernde Halme symbolisieren das Wachsen des Vertrauten, der Vertrauten, das Geborgensein in einer einen überwachsenden Realität. Ohne Angst blickt die Frau aus dem Moor, voller Interesse in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit."

Henriette Tomasi 






"Tiefer und tiefer beugt sich das Grün, blühende Wiesenkräuter, zerzaust ihre Blüten im Wind. Schwere Tropfen hängen an Halmen, berühren bedächtig, atmen schwere Stille."

Freiheit

Auf der Suche nach den unbekannten Samen des Baums, der wie die Freiheit weht, fedrig, Pusteblumen streuend, Weiß über Wiesen legend, leicht, zerbrechlich, unberührbar, als ziehe zarter Schnee über die Landschaft. Regen tunkt das Tal in silbriges Wasser, enge, getrampelte Pfade führen durch triefende Wiesen, tropfende Wälder, ganz am Rande an verborgenste Orte. Zerfallen die Samen? Sinken sie schwer unter der Last der Tropfen zu Boden? Lange Halme beugen sich über Pfade, verwischen Wege, verbergen Spuren, die ich zog. Wieder schließt die Wiese meine Tritte im Gras, dunkel hängen die Wolken. Nebel, nasser Dunst schwer zwischen Erde und Himmel. Tiefer und tiefer beugt sich das Grün, blühende Wiesenkräuter, zerzaust ihre Blüten im Wind. Schwere Tropfen hängen an Halmen, sie berühren sich bedächtig, atmen schwere Stille. Neugierig bin ich, auf der Suche nach Kostbarem, Zerfall und Neubeginn. Widerstehen die Samen? Trotzen sie? Der Regen weht Schleier dicht übers Tal, bricht sich an Rändern des Walds, säugt trockene Böden. Über Zäune, Bäche führen die Schritte, immer wieder der Blick in jedes verwilderte Land, das abseits liegt … . Eine Suche nach dem Baum, der die Freiheit streut …

Im engen Hof hinter verschlossener Tür, kehre ich Laub zusammen. Samen darunter – wie die des verwilderten, abseits liegenden Lands im Traum.

Henriette Tomasi, 2. April 2020







 



"... wandernd, berühre ich Moose, Farne, auch die schwarzen Nachtblüten, die sich an Stämmen emporziehen."


Abgelegen liegt das alte, hölzerne Waldhaus. Hohe, gakelige, vom Sommer trockene Fichten und Birken legen erst in hoch oben gelegenen Kronen ihre Schatten in den Wald. 

Licht wandert, kitzelt vorsichtig Moose und Farne, malt lange Streifen der Dunkelheit auf den dumpfen, nadelübersäten Waldboden. Von der Mittagshitze liegt Nadelduft in der Luft. Ein schmaler Pfad führt durch Stämme auf die Veranda zu. Es dämmert. Vögel singen ungestört - frei, als wäre hier nie ein Mensch gewesen. Unwirklich, das verlassene Haus. Morbide das umwitterte Holz, leicht angestossen der alte, hölzerne Schaukelstuhl auf der Veranda. Einziger Gast, der Wind. Das erste Mal an diesem Ort, wage ich nicht mich zu bewegen – so still, verwunschen. Gefangener der Kulisse, in der ich zögernd stehe. Ich wage es, klopfe an die Tür. Sie schwingt auf. Ein verlassener Raum. Schlichte, einfache Möbel, liebevoll ausgewähltes Geschirr, ein paar Töpfe, die Bäume zu greifen fast durchs große Fenster. Es ist schon spät. Blau schimmert der Wald, schwarz die Stämme. In der Ecke liegt Holz. Zündhölzchen krame ich aus meinem Rucksack. Ich entzünde ein Feuer im Kamin. Geräusche der Nacht dringen durch die offene Tür. Füchse spielen, Marder kreischen. Ich sitze auf einer Liege, vergesse die Zeit – versinke in leichten Schlaf. Im Traum durch die großen Fenster wandernd, berühre ich Moose, Farne, auch die schwarzen Nachtblüten, die sich an Stämmen emporziehen. Immer weiter gehe ich in den Wald. 

In Farben denkend, werfe ich Pigmente und Tuschen im Traum, versinke. Der Wald erzählt Geschichten des Tags, Geschichten der Nacht. Wer ging vor mir durchs Gezweig? Ich verirre mich in den Farben der Nacht. Ob ich zurückfinde?

Henriette Tomasi, 24. März 2020



 
 
 
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