DREAMING  - Distanz und Nähe
Zeichnungen von Henriette Tomasi seit 15. März 2020

BEZIEHUNGEN


Zeichnungen, Indian Ink und Tusche

Spiegelmosaike an den Säulen werfen das Licht zurück. Frühlingssonne glitzert auf Tischen, Wänden, bunt gewürfelt die Menschen im Caféhaussaal. Vornübergebeugt im intimen Gespräch, laut lachend und schwadronierend der Egozentriker am Nachbartisch, still beieinander hockend das verliebte Paar, hungrig schweigend – allein mit der Torte vor sich – der Brillenträger mit grauem Haar. Versunken in die dicke Zeitung, geduldig lesend das Feuilleton, nur manchmal blätternd die großen Seiten, dabei fast den Nachbar stossend, mit einem Lächeln um Verständnis bittend. Ein paar Tagträumer, die den Kellnerinnen mit den Augen und einem Lachen folgen, ein paar Wartende, stehend auf leere Plätze hoffend, einige Aufbrechende, die ihre Stühle rücken, Mäntel anziehen. Dort ein Dicker, das zweite Stück Kuchen verschlingend, dort eine, die bedächtig beim Lesen eines Buchs mit ihrem grünen Tee, zufrieden ist. Ein paar Raucher versammelt im Garten in kleinen Grüppchen und einige, die da draußen, dick eingemummelt in ersten Sonnenstrahlen - wärmend die Hände an den Tassen - ihren Kaffee schlürfen. Stimmen schwirren wie Fetzen im Raum, dunkle, helle, laute, geduldige leise, vermischt zu einer Melodie, die nie zu enden scheint. In den kleinen Spiegeln an den Säulen, Fragmente der Farben, der Menschen, des Lichts, der Stimmen, eine Collage der Zeit.

Hier sitzen zwei beisammen, im verlassenen Raum, ein Traum vom Klappern, vom Schwatzen - doch Stille und einsame Leere nur im Raum. 

Henriette Tomasi, 31. März 2020






 

"Eine neue Reihe verschiedener Zeichnungen mit roter Tusche entsteht. Das Ungeklärte, Geheimnisvolle, Unsagbare - wie Flecken zwischen den Gestalten. Spiel der Anziehungs- und Ablehnungskräfte zwischen den Menschen, zufällig im Raum klebend. Fetzen abgebrochener Kommunikation, geheimnisvolle Gedanken, Traumfragmente ..."


Henriette Tomasi

 


Zum Klettern einlädt, das eiserne Gestell, gebaut aus senkrechten, waagerechten, rostigen Rohren, doch sackt es ein in die Erde, wenn sie darauf tollen. An diesem heißen Tag, der zitternd vor Hitze, stapeln sich riesige Berge von Tüchern, Decken, pink, rot, wild kariert und in unzähligen Farben - in der kühlen Hütte am Rande des Gartens. Kinderhände wühlen darin, ziehen die Schönsten heraus, hinter sich her über die große Wiese, stülpen sie sorgsam über das Gestell. Eine Höhle entsteht, eine Decke auf dem Boden. Schattig darunter, geschützt vor der Sonne, gedacht viele Fenster und Türen zum Schatten hin. Sie huschen hinein, hinaus, krabbelnd nur, spielen darin, fletzen sich, vergessen die Zeit. Die Sonne brennt. Die farbigen Tücher leuchten, umgeben wie ein Zirkuszelt, viel kleiner, enger zwar, aber sonderbar ist es: es ist ihnen heimelige Höhle und sicherer Ort. Sie stossen dicht aneinander, eng gefangen im Stoff, stupsen an die Stangen mit Köpfen und Füssen. Die Hitze wie Farbe, wie Freundschaft klebt. Lachen und Kichern dringt aus dem Gebilde aus Stoff, ein fröhliches Zelt voller Freude. Das Gras, das kürzlich gemäht, duftet noch in der Mittagshitze, sie stecken die Nasen hinein, vor Wonne. 

Jahre später sitze ich am Tisch, in Träumen versunken, streiche den Staub vom Einband des alten Geheimbuchs, das in wackliger Schreibschrift meiner Kinderhand, sonderbare Zeichnungen von Scherben, Pflanzenteilen und erfundenen Schriften enthält, vergesse die grauen Wände der Wohnung, die am heutigen, kalten Tag - so eng auf einmal. 

Henriette Tomasi, 20. März 2020


"... Die Hitze wie Farbe, wie Freundschaft klebt. Lachen und Kichern dringt aus dem Gebilde aus Stoff, ein fröhliches Zelt voller Freude...."


 
 
 
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